Lauf um dein Leben!

Dieses Buch erhielt den Heinrich-Wolgast-Preis 2019. Die Veröffentlichung der Begründung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

Werner Koschinski ist Journalist und arbeitet für eine kleine Lokalzeitung. Als beim jährlichen städtischen Marathon ein geheimnisvolles Paar Turnschuhe auftaucht, wittert sein Chef eine große Geschichte. Er schickt Koschinski in die Spur, die Herkunft der Schuhe zu prüfen und ihr Geheimnis zu lüften. Diese einzigartige Recherche führt den Journalisten nach Whenzou, mitten hinein ins Zentrum der chinesischen Turnschuhindustrie, und nach Äthiopien, eins der aktuell “prosperierenden” Billiglohnländer, wo dem Journalisten Menschen begegnen, die für sich Wege aus einer hoffnungslosen Situation suchen und damit den Bogen wieder nach Deutschland schlagen. Darüber hinaus trifft Koschinski nicht nur viele unterschiedliche “Player” im großen Markenwettbewerb, er erfährt auch viel von den Mechanismen der Turnschuhproduktion und des Turnschuhmarktes, bis hin zum internationalen Laufsport und
seiner Talentförderung.

Wolfgang Korn bearbeitet dieses aktuelle Thema in der Form einer fiktionalisierten Investigativrecherche. Wie in einem Tagebuch werden die verschiedenen Handlungsschritte minutiös dokumentiert. Dabei entwirft er durch die persönliche Erlebnisdimension des Ich-Erzählers subjektiv grundierte und atmosphärisch dichte Szenen, die die Recherchearbeit auf faszinierende Weise vorstellbar machen. In enger Fokalisierung auf den Protagonisten werden die Lesenden hineingenommen in die von offenen Fragen geleiteten und auch auf die eigene Intuition vertrauenden Arbeitsschritte des Journalisten. Dabei faszinieren auch die interkulturellen Vermittlungsprozesse, die Korn kongenial in den Begegnungen des Buches zum Thema macht. Ganz in seiner subjektiv-begrenzten Weltsicht gefangen, eröffnen sich Koschinski erst Stück für Stück auch andere Sichtweisen auf unsere Wirklichkeit, die seine zuerst oft recht plakativen Beobachtungen und Einschätzungen an fremden Orten mit zunehmendem Handlungsfortschritt fragwürdig erscheinen lassen und den Journalisten mehr und mehr auch in seinem Selbstbild berühren und verändern.

Wolfgang Korn gelingt es dabei, in der nur vage orientierten Handlung doch zielstrebig und stringent Stück für Stück die Zusammenhänge herauszuarbeiten, die das Thema in den großen und unübersichtlichen Zusammenhang der globalisierten Weltgemeinschaft einordnen. Und er schafft es, das Thema schließlich wieder ganz nah an unserer mitteleuropäischen Wirklichkeit andocken zu lassen und gerade in der Hauptfigur Werner Koschinski einen idealisierten Prototyp der verantwortlichen Bürger*in zu entwerfen, die sich von der Geschichte und ihren Ergebnissen unbedingt und unmittelbar angesprochen fühlen muss und ihre Verantwortung erkennt und annimmt.

Thematisch verbindet Wolfgang Korn verschiedene Themenfelder der globalisierten Weltwirtschaft: Markenpiraterie, Ausbeutung und Billiproduktion, Zerstörung von Lebensraum und kultureller Identität, Migration und skrupellose Kommerzialisierung von individuellen Notlagen im Geschäft des Profisports etc. Zwischen diesen großen Themen inszeniert er persönliche Schicksale, die in der Begegnung mit Koschinski konkret werden und verdichtet die Problemlagen und Verwerfungen des weltwirtschaftlichen Systems exemplarisch ausführen. Dabei verzichtet Korn aber auf eine eskalierende Skandalisierung des Themas. Viel eher werden sachlich und dennoch emotional bewegend die Konsequenzen bestimmter Zusammenhänge und Beziehungen vorgeführt und bezogen auf den (typischen) Einzelfall ausbuchstabiert. Doch dort bleibt Korn nicht stehen. In der Figur des Werner Koschinski und seiner Bezugsfiguren eröffnet die Handlung ebenfalls exemplarische Handlungsalternativen. Das beginnt bei der eigenen – zunehmend bewussteren Lebensführung – und führt hin bis zur Unterstützung eines Start-up-Unternehmens für Sneakers in Äthiopien. Korn macht deutlich, dass es sich bei den identifizierten Problemen keinesfalls um unumkehrbare Entwicklungen handelt, sondern dass die Ausgestaltung der globalisierten Welt durchaus alternative Formen der wirtschaftlichen Beziehungen kennt, die jedem einzelnen zugänglich sind. Damit spielt er – ganz im Sinne einer pädagogischen Grundhaltung der Mündigkeit durch Aufklärung – neben aller Kritik an den “Großen” der Weltwirtschaft den Ball wieder zurück zu seinen Lesenden, die sich zu dem Vorschlag nun selbst zu verhalten haben.