George

Dieses Buch erhielt den LesePeter Juni 2017. Die Veröffentlichung der Begründung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien.

George ist in der vierten Klasse und hat noch niemandem von seinen Gefühlen erzählt: Er ist Mädchen. Aber alle halten ihn, bzw. richtiger sie, für einen Jungen: die Familie, die Freunde und die Lehrer. Und dass alle George wegen seiner Empfindsamkeit als “Mädchen” belachen, macht Georges Alltag zu einer gigantischen Qual. Laufend kommt es zu Missverständnissen und permanent wird George von seinen Liebsten enttäuscht. Es sind ganz kleine Situationen, deren Bedingtheit durch die Geschlechter-Dichotomie “männlich” vs. “weiblich” einem als Leser entgegenschlägt. Das miterleben, was ein Denken in gesellschaftlichen Rollenerwartungen und Geschlechterstereotypen für George bedeutet, löst beim Lesen geradezu körperliche Schmerzen aus. Man wird gewahr, welches Unrecht, nein, welche Gewalt man Menschen antut, wenn man sie in bestehende Denkstrukturen einzwängen will. Ohne es bewusst zu wollen, erschwert das überkommene System das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit massiv – so fühlt man nach der Lektüre mit George.

Alex Gino findet für seine Geschichte eine stille Sprache, die dem Erzählten gerade dadurch Tiefe gibt. Er entsagt jedweder Hysterie oder Aufgeregt-Sein, die ob der Dringlichkeit Transgender in der KJL zu thematisieren denkbar wäre. Das tut dem Buch gut und verleiht ihm Glaubwürdigkeit. Der Authentizität merkt man an, dass Alex Gino aus eigener Erfahrung schreibt. Der in New York geborene und heute in Kalifornien lebende US-Amerikaner ist seit 20 Jahren in der queeren und transgender Bewegung aktiv und weiß genau, wovon er erzählt. Entsprechend stimmig ist Georgs Ringen dargestellt, sich seiner Mutter und der besten Freundin zu öffnen. Es fehlen George die Worte bzw. diese wollen nicht über die Lippen.

Ein Grund für die kommunikative Herausforderung wird einem als Leser laufend erfahrbar gemacht – und darin besteht für mich eine der größten Stärken dieses Romans: Beim Lesen wird man wiederholt irritiert, wenn das Personalpronomen “sie” auf “George” verweist. Vor dem Hintergrund des eigenen grammatischen Wissens erwartet man immer einen Mädchennamen. Und das, obwohl man weiß, dass George ein Mädchen ist und der heterodiegetische Erzähler aus der Innensicht von George erzählt. Das automatisierte grammatische Wissen bestimmt unsere Erwartung und unsere Wahrnehmung, wodurch auf grammatischer Ebene erfahrbar wird, womit George kämpft: Für sie gibt es keine Grammatik. Die sprachlichen Aspekte von Transgender sind damit schlicht und gelungen erfahrbar gemacht und gleichzeitig verweist dieser Zusammenhang von Normen/ Erwartungen und Wahrnehmung auf jedwede Lebenssituation von George: Solange wir nicht umdenken, wird jemand wie George immer als unnormal wahrgenommen. Denn dass es nicht nur den Mut der Betroffenen braucht, sich andern gegenüber zu öffnen, sondern dass die Offenheit der Anderen notwendig ist, vermittelt der Roman “George” eindrücklich: Es ist die Generation der Gleichaltrigen, die George schnell als “normal” annehmen können, wohingegen George Mutter bspw. erst noch davon ausgeht, dass George nur “schwul” sei.

Wenn Alex Gino zugibt, dass er aus eigener Erfahrung weiß, dass “transgender Kinder Romane brauchen, die sie bestärken und ihnen Mut machen” (Klappentext), dann merkt man dem Roman diese Intention zuweilen an. Aber das macht nichts, denn die Botschaft “sei, wer du bist!” kann ruhig in aller Deutlichkeit ausgerufen werden. Allerdings ist der Roman “George” viel mehr als ein Buch für transgender Kinder. Es ist ein Buch für die ganze Gesellschaft und sollte von jedem gelesen werden. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass die Liebe und Hoffnung ob der Wunderbarkeit des Lebens nicht nur mich tief bewegen wird.